Gewalt an Schulen

Die Schule ist kein Ort reiner pädagogischer Wissensvermittlung. Es muss auch auf persönliche Probleme der Schülerinnen und Schüler eingegangen werden. Ein Plädoyer für einen Paradigmenwechsel.


Am System Schule ist grundsätzlich etwas faul. Das zeigen nicht nur die zweifellos bedauerlichen symptomatischen Einzelfälle wie aktuell jener in einer HTL in Ottakring. Mit der reflexartigen Antwort der Schuladministration, es handle sich nur um Einzelfälle, ist es allerdings nicht getan. Täter zu dämonisieren, um sie dann abstrafen zu können und die Opfer zu bedauern, bedeutet, die Augen vor den eigentlichen Problemen zu verschließen. Betroffen sind letztlich alle: Opfer wie Täter und auch alle Mitschülerinnen und Mitschüler sowie das Lehrpersonal.


Berufsbedingt bin ich immer wieder mit den Auswüchsen und Folgen struktureller Gewalt, der Hilflosigkeit und Inkompetenz der Pädagoginnen und Pädagogen bei der Bewältigung von schulischen Krisen konfrontiert. Schon bei geringen Verhaltensabweichungen werden die Eltern in die Schule zitiert, Schülerinnen und Schüler zu verhörartigen und beschämenden Gesprächen genötigt, vom Unterricht zeitweilig ausgeschlossen oder suspendiert, dem Jugendamt gemeldet, bei der Polizei angezeigt und so unnötig stigmatisiert. Dabei ist jedes auffällige Verhalten ein Ruf nach Aufmerksamkeit und ein Zeichen seelischer Not.


In dieser komplexen Gemengelage aus struktureller Gewalt im Schulsystem, rigidem Verständnis dessen, was Schule sein soll beziehungsweise muss, weitestgehender Inkompetenz im Umgang mit den seelischen Nöten der Schülerinnen und Schüler und der Weigerung, echte demokratische Verhältnisse in den Schulen herzustellen, wachsen Spannungen, Aggressionen, Hass und Konkurrenzdenken mit den bekannten Folgen von Gewalt, psychischen Erkrankungen, Mobbing, Schulabbrüchen und anderen unerwünschten Folgeerscheinungen.


Schülerinnen und Schüler sind Menschen, die – abgesehen von der frühen Kindheit – in ihrer verwundbarsten und sensibelsten Phase ihrer Entwicklung von Menschen begleitet werden, die selbst keinerlei ausreichende Selbsterfahrung und professionell begleitete Persönlichkeitsentwicklung erfahren haben.


Argumentiert wird oft, es sei nicht Aufgabe der Schule, sich mit persönlichen Problemen der Schülerinnen und Schüler zu befassen. Das wäre die Aufgabe der Eltern. Die Probleme legen die Schülerinnen und Schüler aber nicht an der Garderobe ab, sie nehmen sie zwangsläufig mit in den Unterricht. Klarerweise ist darauf einzugehen. Alles andere ist pure Ignoranz.

Das immer noch vorherrschende und unglaublich naive Selbstverständnis der Schule als Ort reiner pädagogischer Wissensvermittlung war niemals angemessen, ist es heute nicht und wird es niemals sein. Aber anstatt das Schulsystem so zu reformieren, dass es den beteiligten Menschen entspricht, wird der strukturelle Druck immer größer. Es werden noch rigidere Maßnahmen und immer ausgeklügeltere gesetzliche, administrative und bürokratische Unterdrückungssysteme mit entsprechenden Sanktionierungsmaßnahmen kreiert.


Was aber wäre zu tun in dieser verfahrenen Situation? Drei Dinge wären wichtig:

Erstens sollte auf der strukturellen Ebene ein radikaler Paradigmenwechsel stattfinden. Die reine Wissensvermittlung in einem System von Leistung und Bewertung sollte einer auf die kindliche und jugendliche Persönlichkeitsentwicklung ausgerichteten, ganzheitlichen und integrierten Bildung, frei von irgendwelchen Bewertungskriterien weichen. Dazu gehört auch eine radikale und echte Demokratisierung des Schulsystems mit voller pädagogischer Autonomie der Lehrkräfte. Schluss mit dem Pisa-Unsinn und mit der unsäglichen Zentralmatura.


Zweitens sollte auf der inhaltlichen Ebene die Aufmerksamkeit im Unterricht darauf gerichtet werden, wie es gelingen kann, konstruktiv und im sozialen Sinn produktiv zusammenzuarbeiten. Wie kann die soziale Kompetenz gestärkt und die Persönlichkeitsentwicklung gefördert werden? Dazu bräuchte es ein interessensgeleitetes Lernen, von Lehrpersonal, Schülerinnen und Schülern gemeinsam, gleichberechtigt und in vollkommener Autonomie erarbeitete Lerninhalte sowie den Verzicht auf eine rein leistungsorientierte Beurteilung und Bewertung. Vorrang müssten ganzheitlich integrierte, musisch und kreativ wachsende Prozesse haben.


Drittens bräuchte es auf der Ebene der Ressourcen viel mehr Geld und umfassend humanistisch ausgebildetes, mit allen Belangen der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen vertrautes Personal in ausreichender Zahl mit der Fähigkeit zu Empathie und Wertschätzung. Darüber hinaus kleinere Gruppen im Unterricht und an jeder Schule mindestens eine psychotherapeutisch kompetente Person, die mit Sozialarbeiterinnen oder Sozialarbeitern ins Lehrkräftekollegium eingebunden ist.


Die derzeitige Diskussion in Österreich – nicht nur im Schulbereich – geht in die genau entgegengesetzte Richtung: Mehr und immer rigidere Richtlinien und Kontrollen, Standardisierung aller Abläufe, zunehmende Bürokratie und zentrale Steuerung und Marginalisierung kreativer und persönlichkeitsfördernder Lernprozesse.


Im aktuellen Fall der Gewaltausbrüche in der HTL in Ottakring würde ich eine Versammlung aller Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler vorschlagen, wo alle Meinungen gehört werden. Eine solche offene Begegnung in Form eines "Radical Encounters" könnte den Impuls für eine dauerhafte Änderung des offensichtlich katastrophalen Schulklimas anstoßen. Der Anlassfall ist nämlich kein Fall für eine handverlesene Kommission, da gehören alle Beteiligten eingebunden. Und Beteiligte sind alle an dieser Schule und nicht nur diejenigen, die aktuell in der medialen Öffentlichkeit stehen.

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