Wenn das unmittelbare Verbundensein mit anderen Menschen fehlt ...

In der Corona-Krise mit Zuhausebleiben, Quarantäne, Kontaktvermeidung, Home-Office, Home-Learning, Arbeitsplatzverlust und andere Einschränkungen wird besonders deutlich, wie sehr unser Leben von der Verbundenheit mit anderen Menschen bestimmt wird. Normalerweise wird uns das gar nicht richtig bewusst, weil es einfach selbstverständlich scheint.

Im Home-Office fühle ich mich abgeschnitten von den KollegInnen, ein persönlicher Kontakt ist nicht mehr möglich. Obwohl - ich kann telefonieren, kann E-Mails schreiben, kann chatten usw. - aber der Kontakt von Mensch zu Mensch fehlt. Da tut sich eine große Leere auf. Wie wichtig all die beiläufigen Gespräche sind, einfach das Sehen der Anderen um mich herum, bloß das Wissen, da sind Menschen, die ich kenne - oft auch nur oberflächlich oder gar nicht. Aber sie sind normalerweise da und potentiell ansprechbar. Das zählt und macht einen großen Teil meines Wohlbefindens aus.

Telefon, soziale Medien, Internet - nichts kann die persönlichen Begegnungen ersetzen. Und nach und nach merke ich, dass immer wieder Angst aufkommt. Und natürlich setzen sofort alle möglichen Rationalisierungsmechanismen ein. Dabei geht es gar nicht in erster Linie um die Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus und um die verschiedenen existenziellen Ängste. Es ist das Abgeschnittensein von anderen Menschen, besonders von jenen, die mir nahe stehen. Allein dadurch stellt sich Angst ein. Und die will ich nicht wegrationalisieren indem ich mir vorgaukeln lasse, dass die Regierung und die Verwaltungsbehörden schon alles im Griff haben und die richtigen Maßnahmen setzen. Dabei geht es mir gar nicht darum, die Maßnahmen zu kritisieren, nein, mir geht es darum, aufmerksam zu machen darauf, dass jetzt wiederum nur die materiellen, rationalen und messbaren Dinge im Vordergrund stehen und Beachtung finden. Alles dreht sich um Schutzkleidung, Einhaltung von Distanzabständen zu anderen, Kontrolle, Strafen, Statistiken, Opferzahlen und einiges mehr.

Diese Krise zeigt auch sehr deutlich die Welt, in der wir leben. Da wird uns von diesem Virus auch gleichsam ein Spiegel vorgehalten, in den wir gefälligst blicken sollten. Wo uns vor Augen geführt wird, dass das Soziale, die Verbundenheit mit anderen Menschen, die unentwegte Pflege dieser Verbundenheit und die Wichtigkeit des Eingebettetseins in stabile Beziehungen in unserer Gesellschaft wenig Wertschätzung erfährt. Das gilt für den privaten sowie für den gesamtgesellschaftlichen Bereich gleichermaßen.

Da sind vor allem einmal Frauen, die in den Familien und schlecht bezahlten Pflege- und Sozialberufen dafür sorgen, dass zwischenmenschliche Begegnungen und Beziehungen ermöglicht, gepflegt und erhalten werden. Es wird immer nur der materielle Aspekt, das bloße Tun in vielen Bereichen, die verbrauchte Zeit für Tätigkeiten, die bloße Menge an Vermittlung von Wissen in der Schule oder die Versorgung bedürftiger und alter Menschen gesehen. Der bewusst nicht wahrgenommene Teil der Arbeit, die Arbeit am sozialen Zusammenhalt durch Begegnung und Beziehung in allen Lebensbereichen wird großteils ausgeblendet. Es erfährt keine allgemeine Wertschätzung, wie wichtig stabile Beziehungen in allen Gesellschaftsbereichen sind.

Dann sind da Menschen in den Sozial- und Pflegeberufen, in medizinischen Einrichtungen, Kindergärten, Schulen und Ausbildungsstätten und in vielen anderen Bereichen, wo es um die Pflege sozialer Beziehungen und um Begegnung geht. Alle diese Bereiche werden schlecht entlohnt, kaputtgespart und personell bis zum Äußersten ausgedünnt. Dort befindet sich jedoch das "soziale Kapital" (ein Begriff, den der Künstler Joseph Beuys verwendet hat) und schafft die Basis und das Fundament für eine Gesellschaft, die hauptsächlich das "materielle Kapital" wahrnimmt und wertschätzt. In der Krise wird aber deutlich, wie wichtig und geradezu überlebensnotwendig die menschliche Verbundenheit ist.

Es wird kaum wahrgenommen wie zerstörerisch es für die menschlichen Beziehungen ist wenn Menschen Arbeitsplätze verlieren oder durch Umstrukturierungen in Organisationen hin und her geschoben werden. Es sind immer die Beziehungen der Menschen betroffen, werden geschädigt oder zerstört. Dasselbe, wenn Menschen ihre Wohnung verlieren oder von der sozialen Teilhabe ausgeschlossen sind bzw. Kinder aus verschiedenen Gründen die Familie oder in der Schule ihr vertrautes soziales Umfeld verlieren.

Aber genau dieses Wunderwerk an Beziehungen und Verbindungen, an Verbundenheit mit anderen Menschen in möglichst stabilen Verhältnissen gilt es zu schützen und in ihrer Bedeutung wahr zu nehmen weil es nichts anderes gibt, was unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhält. Das ist die eigentliche Basis und das Fundament unserer Gesellschaft.

Unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem ist aber so angelegt, dass es gerade diesen Zusammenhalt und diese Verbundenheit ignoriert und in der Folge schädigt. Indem es nur den materiellen, den rational messbaren Aspekten in der Gesellschaft Beachtung schenkt und dabei die eigentlich essentiellen Kräfte des "mit anderen Menschen in Beziehung verbunden sein" ausblendet, wirkt es sich so zerstörerisch aus auf unser Gemeinwesen, die Ökosysteme und die natürlichen Ressourcen unseres Planeten.

Jetzt zeigt sich deutlich, dass unsere hauptsächlich an materiellen Wertvorstellungen und rationalen Denkmustern orientierte Gesellschaft verwundbar ist und nur dadurch über diese Krise kommt, weil es ein der allgemeinen Wahrnehmung entzogenes aber umso stärker verwurzeltes Fundament gibt, das uns diese Herausforderungen überwinden lässt. Es ist das unerschütterliche Bedürfnis nach Beziehung und Verbundensein mit anderen und unser aller Angewiesensein auf mitmenschlichen Austausch und Begegnung in allen Bereichen des Lebens.

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